Wahnsinn! Ein Blinder beim Essen!

Sonntagvormittag, ein guter Zeitpunkt, um einen Frühstücksgutschein einzulösen, besonders, da meine Frau dieses Wochenende frei hat. Beim Betreten des Cafés bei uns um die Ecke zeige ich den Gästen am einzigen besetzten Tisch des Blinden liebsten Zaubertrick: Ich lasse eben noch angeregte Unterhaltungen schlagartig verstummen. Was im Freibad zuverlässig funktioniert, funktioniert auch im Café! Gebannt beobachtet man, wie meine Frau mich dezent und zielgerichtet um unseren Tisch herum zu meinem Platz dirigiert und vergisst dabei völlig, worüber man sich eben noch unterhalten hatte.

Nach einer Schweigeminute in der Erwartung, dass meine Frau auf Deutsch mit irischem Akzent etwas Lustiges sagt, murmelt man sich nebenan in eine Unterhaltung hinein – möglichst belanglos, um sie spontan abbrechen zu können, falls am Nebentisch etwas spannendes passiert. Da sitzt schließlich ein Blinder, und deshalb wird da sicher etwas spannendes passieren!

Bis hierher ist das für blinde Menschen und ihre sehenden Partner*innen oder Begleiter*innen überhaupt nichts Außergewöhnliches. Dass sich eine Person aber mit dem Stuhl halb herumdreht und letzteren zurechtrückt, um mich besser beim Essen beobachten zu können, überrascht selbst meine Frau. Leider geht mein Publikum nach einer Weile und bekommt nicht mehr mit, wie mir ein Stückchen Eierschale neben den Eierbecher fällt.

Dieser Einzelfall erinnert mich sehr an die Hochzeit von Freunden, zu der wir vor ein paar Jahren eingeladen waren. An unserem Tisch saßen zwei Leute, die ich von früher her kenne mit ihren Familien. Ich entschuldige mich nachträglich dafür, falls ihr Abendessen kalt geworden ist, weil ich ein solch faszinierender Blickfang war.

Es muss für unblinde Menschen furchtbar anstrengend sein, die feinmotorischen Fertigkeiten blinder Menschen bei der Nahrungsaufnahme zu studieren und gleichzeitig die Haltungsnoten der eigenen Tischmanieren zu wahren. Es wäre wirklich peinlich, wenn einem das Essen von der Gabel in die Sauce platscht, während man darauf wartet, dass sich der Blinde gegenüber irgendwann doch noch bekleckert.

Peinlich ist Gaffen aber auch. Glaubt Ihr, wir merken das nicht? Oder ist es Euch schlichtweg egal, dass man Manieren nicht unter eueren Charakterzügen zu finden versucht?

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