Wahnsinn! Ein Blinder beim Essen!

Sonntagvormittag, ein guter Zeitpunkt, um einen Frühstücksgutschein einzulösen, besonders, da meine Frau dieses Wochenende frei hat. Beim Betreten des Cafés bei uns um die Ecke zeige ich den Gästen am einzigen besetzten Tisch des Blinden liebsten Zaubertrick: Ich lasse eben noch angeregte Unterhaltungen schlagartig verstummen. Was im Freibad zuverlässig funktioniert, funktioniert auch im Café! Gebannt beobachtet man, wie meine Frau mich dezent und zielgerichtet um unseren Tisch herum zu meinem Platz dirigiert und vergisst dabei völlig, worüber man sich eben noch unterhalten hatte. Continue reading “Wahnsinn! Ein Blinder beim Essen!”

Ein englischsprachiges Titelblatt einer Zeitung zum Mauerfall

Die rote Perlenkette – Ein Text zum #Mauerfall

Ein Text für den Poetry Slam Eschwege zum 30. Jubiläum des Mauerfalls. Der 10-jährige Markus aus Eisenach erzählt über seine Eindrücke am 9. November 1989.

„Die rote Perlenkette

“Jetzt machen die alles dicht.”, ruft Papa. Er hat auch die rote Perlenkette gesehen – auf dem Heimweg von der Spätschicht bei der Eisenbahn. Er riecht noch ein bisschen nach Maschinenöl.

Alles dicht? Wer macht alles dicht? Und was machen die dicht? Ich verstehe das nicht. Irgendwie sind manche Sachen sowieso schon ganz schön dicht. Mama hat mir ein kleines Keyboard zum Musikmachen mitgebracht, als sie vor zwei Jahren bei der Silberhochzeit von meiner Tante und meinem Onkel in Offenbach war. Das darf ich manchen Freunden nicht zeigen, weil wir dann Ärger bekommen. Mein bester Freund Andi hat es schon gesehen, aber er hält dicht.
Papa durfte nicht mit zur Silberhochzeit fahren. Er hat auf meine große Schwester und mich aufgepasst. Ich habe gehört, wie er gesagt hat, dass er irgendwann nach der Zeit in Berlin bei der Armee aus der Partei ausgetreten ist. Vielleicht muss man in dieser Partei sein, wenn man nach Offenbach fahren will. Ich weiß es nicht.
Aber vielleicht ist es gut, dass wir nicht mit Mama nach Offenbach gefahren sind. Vielleicht hätte wieder jemand bei uns eingebrochen. Einmal habe ich gehört, wie Mama zu Papa gesagt hat, dass jemand in unserer Wohnung war, als wir im Urlaub waren. Nur gut, dass die nichts geklaut haben.

Ich hab’ Mama mal gefragt, wieso meine Cousins und Cousinen uns besuchen können, und wir sie nicht. Mama weiß das auch nicht so genau, hat sie gesagt. Ich würde gern mal ihre Schule sehen. Ob sie auch am Anfang von jeder Musikstunde die Nationalhymne hören und sich an den Händen anfassen und durchs Klassenzimmer laufen?
Ich würde auch so gern mal ans andere Ufer der Werra gehen. Ich hab’ es nur von weitem gesehen, als ich mit Andi bei seiner Oma in Berka-Werra war. Jetzt erinnere ich mich! Wir sind gar nicht zusammen hingefahren. Er war in den Sommerferien dort, und ich bin mit seiner Mama an einem Sonnabend hingefahren. Vorher hat mir meine Mama die Haare geschnitten. Andi und ich hatten dann genau den gleichen Haarschnitt. Das war lustig. Der Mann an der Schranke in Berka hat bestimmt gedacht, wir sind Brüder…

“Jetzt machen die alles dicht!”, ruft Papa. Er hat auch die rote Perlenkette gesehen – auf dem Heimweg von der Spätschicht bei der Eisenbahn. Er riecht noch ein bisschen nach Maschinenöl.

Mamas Stimme zittert. Sie sagt: “Die machen nicht alles dicht! Die Grenze ist auf!” Das haben vorhin im Fernsehen schon ganz viele Leute gesagt. Ich sitze schon seit zehn vor Sieben auf dem Fußboden vor dem Fernseher. Meine Schwester hat mal erzählt, dass ihre Lehrerin ein Kind vor der ganzen Klasse ausgeschimpft hat, weil es nicht wusste, ob die Uhr am Anfang der Aktuellen Kamera Punkte oder Striche hat. Ich hab’ vorhin das Sandmännchen geguckt. Ich bin zwar ein bisschen alt dafür, aber Pittiplatsch mag ich ganz gern. Hinterher kommt immer die Aktuelle Kamera, und heute wollte ich mal auf die Uhr achten.

Wisst Ihr was, ich kann mich an die Uhr gar nicht erinnern. Ich sag’ zu Papa: “Ein Herr Scha…bolowski oder so hat vorhin was von Reisen gesagt, und dass das sofort ist…”. Papa hört mir gar nicht richtig zu. Er starrt mit Mama auf den Fernsehbildschirm. Dort sind schon den ganzen Abend auf allen Sendern die gleichen Bilder, sogar im DDR-Fernsehen, und das gucken wir sonst nicht so oft: Leute, die auf der Mauer tanzen, Leute, die Sekt aus Flaschen trinken, die jubeln, die fremde Menschen drücken, ein alter Mann, der vor der Kamera weint, wieder Herr Schabo…na, Ihr wisst schon, und wieder die Mauer…

Ich hab’ nur einmal die Mauer gesehen. Das war vor zwei Jahren. Da waren wir in Berlin. Ich habe auch das Brandenburger Tor gesehen, aber wir durften nicht hin. Dort standen Soldaten mit Gewehren. Da hatte ich Angst.
Heute, in Berlin, da hat irgendwie niemand Angst. Im Fernsehen sind keine Gewehre, nur Leute, die auf der Mauer tanzen, Leute, die Sekt aus Flaschen trinken, die jubeln, die fremde Menschen drücken, ein alter Mann, der vor der Kamera weint, Herr Schabo…na, Ihr wisst schon…

Ich gehe ins Kinderzimmer, lege mich oben in mein Doppelstockbett und schaue auf die rote Perlenkette – da drüben, auf der Autobahn A4, direkt unter den Gärten am Ziegelfeld.

Briefmarken und Postwertzeichen

Es gibt bestimmte Laute in der deutschen Sprache, die für englische Muttersprachler eine Herausforderung darstellen, auch wenn sie im Deutschen ziemlich fit sind.

Heute standen meine irische Frau und ich in unserem örtlichen Getränkemarkt an der Poststelle; unsere Lieblingsmitarbeiterin war da. Meine Frau – müde von der Arbeit und einfach fit für die Hollywoodschaukel im Garten – hatte eine leichte Wortfindungsstörung beim Wort “Briefmarke”. Zugegebenermaßen ist das Wort “Briefmarke” für englische Muttersprachler sowieso nicht ganz einfach:

    Das R vor Vokalen wird im Englischen, anders als bei uns, als retroflexes [ɻ] ausgesprochen;
    die geschriebene Buchstabenkombination “ie” wird im Englischen in vielen Fällen als [aɪ] ausgesprochen, bei uns hingegen als langes [i:];
    das R nach Vokalen wird im irischen- und amerikanischen Englisch hörbar als sog. retroflexes [ɻ] ausgesprochen, im Deutschen dagegen als Vokal.

Auf die Anmerkung und Entschuldigung meiner Frau hin, sie sei ein bisschen müde, lächelte die Angestellte verständnisvoll, sagte, sie habe sie doch verstanden und fügte hinzu: “Briefmarke ist aber auch ein doofes Wort. Mach’s Dir doch einfacher und sag: Postwertzeichen.”

Ich möchte mich natürlich weder über Mrs. Böttner noch über die übrigens immer ausgesprochen liebe Angestellte lustig machen; ich musste nur über den Zufall schmunzeln, dass ausgerechnet das Synonym des Wortes “Briefmarke” für englische Muttersprachler mindestens ebenso schwierig zu artikulieren ist.

    Das W wird im Englischen als [ʍ] anders ausgesprochen als bei uns;
    das R nach Vokalen hab’ ich ja oben schon erwähnt;
    den Laut /ts/ gibt es im Englischen am Silbenanfang nur bei Tsunami und Tse-Tse-Fliege, während der Buchstabe Z immer als weiches [z] ausgesprochen wird, so wie bei uns das S am Silben- und Wortanfang;
    die Buchstabenfolge “ei” wird im Englischen als langes [i:] ausgesprochen;
    und der Ch-Laut [ç] ist ohnehin eine Sache für sich.

Wie gesagt, ich schmunzle nicht über Mrs Böttner oder die in der Phonologie wenig erfahrene Angestellte. Manchmal helfen Synonyme deutschen Fremdsprachlern im Alltag weiter, weil sie mitunter leichter zu artikulieren sind. “Briefmarke” und “Postwertzeichen” sind aber ein Beispiel, wo das genau nicht zutrifft.

Jetzt aber Hurtig! Oder: #Blind und #barrierefrei durch den #Straßenverkehr

Was einmal erwähnt werden sollte…

Wir Blinden bemängeln ab und an Barrieren in unserem Alltag – und wenn, dann oft berechtigt. Ich möchte von einer positiven Begebenheit berichten, die sich heute zugetragen hat und sehr schön deutlich macht, dass es auch anders geht.

Auf dem Weg zum Freibad sah ich mich mit einem LKW, einem Bagger und einigen dicken Schläuchen auf einem einigermaßen schmalen Gehweg konfrontiert und dachte gleich, was ich in solchen Momenten oft denke: “Huch!?”

Auf dem Heimweg wechselte ich gleich die Straßenseite und lief an dem Ort vorbei, der sich nun als Baustelle entpuppte. Kurz darauf kam ein junger Mann auf mich zu und sagte: “Hallo! Entschuldigen Sie bitte, haben Sie einen Augenblick Zeit? Mein Name ist (Name leider vergessen), ich komme von der Firma Hurtig Leitungsbau. Wir verlegen Breitband-Internet-Leitungen.”. Er erklärte mir wirklich hilfreich und total freundlich, an welchem Tag sie wo genau welche Seite des Gehwegs aufbuddeln werden, um Kabel zu verlegen, sowie wo und wann sie die Straße anstatt des Gehwegs bearbeiten werden, nur für den Fall, dass ich auf meiner route genau an der Stelle die Straße überqueren muss, und wie lange die ganze Aktion insgesamt noch dauern wird.

Wow! Ich bedankte mich sehr herzlich dafür, dass er sich die Zeit genommen hatte, um mich derart präzise und hilfreich in den Bauplan einzuweihen. Kurz darauf half mir einer seiner Kollegen, indem er mich auf zwei Transporter aufmerksam machte, die auf meiner Route auf dem Gehweg standen. Ich bedankte mich auch bei ihm und ließ seinem Kollegen nochmals schöne Grüße und vielen Dank ausrichten.

Oft muss man ja schon dankbar sein, wenn auf einer Baustelle im Anblick des nahenden Blinden einmal kurz der Presslufthammer abgeschaltet wird, damit man sich auf seine Umgebungsgeräusche konzentrieren kann. Dass sich aber ein Arbeiter mit Namen und Firma bei mir vorstellt und sich Zeit für eine solch gute Erklärung nimmt, war für mich eine neue und wirklich nette Erfahrung.

Und weil man immer sehr leichtfertig Namen und Firmen nennt, von denen man sich ungerecht oder einfach dämlich behandelt fühlt, halte ich es für angebracht, dass die Firma Hurtig Leitungsbau GmbH aus Dresden hier positiv hervorgehoben wird. Man ist im Zeitplan, in der Kernstadt noch im August mit der Bereitstellung schneller Internet-Infrastruktur fertig zu sein. Der Name Hurtig scheint hier also in jeglicher Hinsicht Programm zu sein.

Beckenrandparker, oder: #Blind im #Schwimmbad

Man möchte den Beckenrandparkern entgegenrufen: “Leute, NICHT_schwimmen könnt Ihr auch im Nicht_Schwimmer_Becken!”

Ist doch wahr!

Sie kleben und albern am Beckenrand herum, doch verfallen ob der augenscheinlich unaufhaltsamen Annäherung der gelben Badekappe mit den drei schwarzen Punkten urplötzlich in eine Schockstarre. Ich vermute einen Gesichtsausdruck, der dem eines Hasen, der in zwei Autoscheinwerfer guckt, nicht ganz unähnlich ist. Sie hören auf zu Reden, wodurch ihre eben noch grob abgeschätzte Position auf meinem auditiven Radar plötzlich sprichwörtlich verschwimmt und warten geduldig darauf, dass ich gegen ihre mehr oder minder durchtrainierten Körper schwimme. (Das ist in den seltensten Fällen angenehm. Anm. d. Autors)

Jemand, dem ich schon einmal davon erzählte, sagte: “Vielleicht haben die Dich nicht gesehen.”, woraufhin ich meine verkümmerten Lateinkenntnisse und ein Zitat des großen Cicero herauskrame: Mumpitz! Blinde sind Zauberer, die durch ihre schiere Anwesenheit eben noch angeregte Konversationen schlagartig zum Verstummen bringen können; und wenn Du mit einem Langstock und einer Signal-Badekappe zielstrebig durchs Freibad läufst, dann gaffen die Leute – kein Zweifel, weil Leute eben gaffen. Und gemessen daran, wie oft ich aus Primärquellen oder familieninternen Sekundärquellen höre, wieviele Leute mich im Freibad bestaunen, fällt das Argument “die haben Dich nicht gesehen.” sowieso schon weg.

Liebe Blinde, wenn unblinde Menschen schlagartig verstummen und uns dadurch einladen, ihren Taillen- oder Brustumfang zu messen, dann geschieht das vielleicht einfach aus Schüchternheit. Unblinde Menschen, die sich bei der Kontaktaufnahme auf Blickkontakt verlassen müssen, sind verbal doch so furchtbar ungeschickt.

Elf Gründe, weshalb Sie eine*n Blinde*n einstellen sollten

Stereotypisierungen, Vergleiche und Überspitzungen sind gewollt und dienen dem Unterhaltungswert.

Deshalb sollten Sie einen Blinden einstellen:

    1) Drei von vier Blinden sind arbeitslos. Wenn Sie uns eine Chance geben, so werden wir mehr Einsatz und Loyalität zeigen als viele unserer sehenden Kollegen.
    2) Ein blinder Mensch mit gleicher Qualifikation wie ein Sehender ist an sich schon bemerkenswert, denn es hat bei ihm/ihr bestimmt dreimal so lange gedauert, dorthin zu kommen. Hab’ ich das mit der Hingabe schon einmal erwähnt?
    3) Blinde haben mehr Organisationstalent und bessere Problemlösungskompetenzen als Sehende. Wir müssen jeden Tag organisieren und Probleme lösen; und Übung macht schließlich den Meister!
    4) Bei einer Zombie-Apokalypse und Stromausfall im Firmengebäude sind wir Blinden die Einzigen, die Sie in Sicherheit bringen können.
    5) Wir lassen uns weniger wahrscheinlich von funkelndem Schmuck, attraktiven Passanten oder Porno-Websites ablenken.
    6) Wir urteilen seltener über Sie – schon weil wir Ihren offenen Hosenstall und den Joghurtfleck auf Ihrem Hemd nicht sehen.
    7) Der blinde Arbeitnehmer kommt 30 Minuten früher am Arbeitsplatz an, weil er früh aufstehen musste, um 15 Minuten zur Bushaltestelle- und nach einer einstündigen Busfahrt noch einmal 15 Minuten zur Arbeit zu laufen. Der sehende Arbeitnehmer kommt 10 Minuten zu spät, weil er mit seinem SUV im Stau stand. Hab’ ich das mit dem Organisationstalent und der Hingabe schon einmal erwähnt?
    8) Arbeitgeber, die Menschen mit einer Behinderung einstellen, haben bei den Kunden einen Bonus. Wenn man sich an Ihr Unternehmen erinnert, weil dieser tolle blinde Kampfsportlehrer bei Ihnen arbeitet, sind Sie der Konkurrenz automatisch zwei Tritte voraus.
    9) Wir vergraulen Ihnen keine Kundschaft, weil wir zu den attraktiven Kunden netter sind als zu den Anderen.
    10) Wir lassen uns nicht durch laute Musik in den Kopfhörern ablenken, weil wir nämlich unsere Ohren zum Arbeiten brauchen. … Und schließlich:
    11) Wir werden weniger wahrscheinlich krankheitsbedingt ausfallen, weil wir nicht am Steuer WhatsApp-Nachrichten schreiben und dann einen Unfall bauen!

Disclaimer

Übersetzt und adaptiert von dieser Quelle.

This day 4 years ago, the journey began…

This day four years ago, I uploaded my very first video to my Youtube channel. I am especially thankful to my dear good friend Sarah, who motivated me to embark on this Youtube journey and who organised a recording session in The Forge Recording Studio Galway as a birthday present and thus brought my own music productions on the way. Thank you so much! 🤗

This is my very first Youtube video


and if you like it and my other videos, I would be happy to welcome you as a subscriber and to let you know first whenever I upload new content.

Markus’ @RehaCare Interview | #German #English

🇩🇪 Kürzlich habe ich für RehaCare ein paar Fragen beantwortet. Das Interview im Volltext gibt’s hier auf Deutsch.

🇬🇧 A short while ago, I answered a few questions to RehaCare. The full text of the interview in English can be found here.