Ein englischsprachiges Titelblatt einer Zeitung zum Mauerfall

Die rote Perlenkette – Ein Text zum #Mauerfall

Ein Text für den Poetry Slam Eschwege zum 30. Jubiläum des Mauerfalls. Der 10-jährige Markus aus Eisenach erzählt über seine Eindrücke am 9. November 1989.

„Die rote Perlenkette

“Jetzt machen die alles dicht.”, ruft Papa. Er hat auch die rote Perlenkette gesehen – auf dem Heimweg von der Spätschicht bei der Eisenbahn. Er riecht noch ein bisschen nach Maschinenöl.

Alles dicht? Wer macht alles dicht? Und was machen die dicht? Ich verstehe das nicht. Irgendwie sind manche Sachen sowieso schon ganz schön dicht. Mama hat mir ein kleines Keyboard zum Musikmachen mitgebracht, als sie vor zwei Jahren bei der Silberhochzeit von meiner Tante und meinem Onkel in Offenbach war. Das darf ich manchen Freunden nicht zeigen, weil wir dann Ärger bekommen. Mein bester Freund Andi hat es schon gesehen, aber er hält dicht.
Papa durfte nicht mit zur Silberhochzeit fahren. Er hat auf meine große Schwester und mich aufgepasst. Ich habe gehört, wie er gesagt hat, dass er irgendwann nach der Zeit in Berlin bei der Armee aus der Partei ausgetreten ist. Vielleicht muss man in dieser Partei sein, wenn man nach Offenbach fahren will. Ich weiß es nicht.
Aber vielleicht ist es gut, dass wir nicht mit Mama nach Offenbach gefahren sind. Vielleicht hätte wieder jemand bei uns eingebrochen. Einmal habe ich gehört, wie Mama zu Papa gesagt hat, dass jemand in unserer Wohnung war, als wir im Urlaub waren. Nur gut, dass die nichts geklaut haben.

Ich hab’ Mama mal gefragt, wieso meine Cousins und Cousinen uns besuchen können, und wir sie nicht. Mama weiß das auch nicht so genau, hat sie gesagt. Ich würde gern mal ihre Schule sehen. Ob sie auch am Anfang von jeder Musikstunde die Nationalhymne hören und sich an den Händen anfassen und durchs Klassenzimmer laufen?
Ich würde auch so gern mal ans andere Ufer der Werra gehen. Ich hab’ es nur von weitem gesehen, als ich mit Andi bei seiner Oma in Berka-Werra war. Jetzt erinnere ich mich! Wir sind gar nicht zusammen hingefahren. Er war in den Sommerferien dort, und ich bin mit seiner Mama an einem Sonnabend hingefahren. Vorher hat mir meine Mama die Haare geschnitten. Andi und ich hatten dann genau den gleichen Haarschnitt. Das war lustig. Der Mann an der Schranke in Berka hat bestimmt gedacht, wir sind Brüder…

“Jetzt machen die alles dicht!”, ruft Papa. Er hat auch die rote Perlenkette gesehen – auf dem Heimweg von der Spätschicht bei der Eisenbahn. Er riecht noch ein bisschen nach Maschinenöl.

Mamas Stimme zittert. Sie sagt: “Die machen nicht alles dicht! Die Grenze ist auf!” Das haben vorhin im Fernsehen schon ganz viele Leute gesagt. Ich sitze schon seit zehn vor Sieben auf dem Fußboden vor dem Fernseher. Meine Schwester hat mal erzählt, dass ihre Lehrerin ein Kind vor der ganzen Klasse ausgeschimpft hat, weil es nicht wusste, ob die Uhr am Anfang der Aktuellen Kamera Punkte oder Striche hat. Ich hab’ vorhin das Sandmännchen geguckt. Ich bin zwar ein bisschen alt dafür, aber Pittiplatsch mag ich ganz gern. Hinterher kommt immer die Aktuelle Kamera, und heute wollte ich mal auf die Uhr achten.

Wisst Ihr was, ich kann mich an die Uhr gar nicht erinnern. Ich sag’ zu Papa: “Ein Herr Scha…bolowski oder so hat vorhin was von Reisen gesagt, und dass das sofort ist…”. Papa hört mir gar nicht richtig zu. Er starrt mit Mama auf den Fernsehbildschirm. Dort sind schon den ganzen Abend auf allen Sendern die gleichen Bilder, sogar im DDR-Fernsehen, und das gucken wir sonst nicht so oft: Leute, die auf der Mauer tanzen, Leute, die Sekt aus Flaschen trinken, die jubeln, die fremde Menschen drücken, ein alter Mann, der vor der Kamera weint, wieder Herr Schabo…na, Ihr wisst schon, und wieder die Mauer…

Ich hab’ nur einmal die Mauer gesehen. Das war vor zwei Jahren. Da waren wir in Berlin. Ich habe auch das Brandenburger Tor gesehen, aber wir durften nicht hin. Dort standen Soldaten mit Gewehren. Da hatte ich Angst.
Heute, in Berlin, da hat irgendwie niemand Angst. Im Fernsehen sind keine Gewehre, nur Leute, die auf der Mauer tanzen, Leute, die Sekt aus Flaschen trinken, die jubeln, die fremde Menschen drücken, ein alter Mann, der vor der Kamera weint, Herr Schabo…na, Ihr wisst schon…

Ich gehe ins Kinderzimmer, lege mich oben in mein Doppelstockbett und schaue auf die rote Perlenkette – da drüben, auf der Autobahn A4, direkt unter den Gärten am Ziegelfeld.

#Germany89, #FallOfTheWall, and I was 10.

November 9, 2014: ask any German in their early thirties or older what they did this day, 25 years ago, and you will very likely get a pretty detailed summary of their evening. It was the day when two months of peaceful protest by the people of the GDR and hundreds of thousands of emigrants left the socialist party regime with no other option but to give in, when Günter Schabowski, the spokesman of the central committee of the socialist party announced in a press conference that GDR citizens were granted permission to emigrate and, more importantly, to travel freely across the border to Western Germany - immediately. It was the day when, after 10,316 days, after 28 years, two months and 28 days, the Iron Curtain that had ripped Germany and Europe apart, that had separated families and even ended lives of people who wanted nothing else but freedom finally collapsed under the wind of change. I was ten years old.