Ich möchte nicht, dass Ihr euch in mich hineinversetzt.

Inspiriert durch eine Diskussion in der Facebook-Gruppe Blindheit & Sehbehinderung – Infos und Austausch, möchte ich etwas loswerden. Uns Blinden möchte ich Mut zusprechen, und Euch Sehenden möchte ich einmal etwas sagen:

Ihr kleidet gern Euer Ungeschick in den Mantel der Unwissenheit und des “Mann kann sich ja nicht hineinversetzen, wie es ist, wenn man nichts sieht..”. Das stimmt. Man kann sich nicht hineinversetzen.

Man kann sich mal die Augen verbinden, man kann mal in einem Dunkelcafé essen gehen, aber ein repräsentativer Spiegel unseres Alltags ist das nicht. Ihr projiziert Euere Unsicherheit beim Essen in Dunkelheit auf uns, denkt: “Scheiße, ich kann das nicht mal für eine Stunde. Wie schlimm muss das für die armen Blinden sein, die jeden Tag so leben müssen!?”

Ihr habt ganz recht. Man kann sich nicht hineinversetzen.

Und wisst Ihr was? Ich will das auch nicht! Ich will nicht, dass Ihr Euch in uns hineinversetzt.

Ich kann mich nicht in die Situation hineinversetzen, wie es ist, Neurochirurg oder Feuerwehrmann zu sein. Beide haben über Jahre Extremsituationen in ihrem Job studiert, aus ihnen gelernt und sind zu Experten auf ihrem Gebiet geworden, und beide würden es mit Recht anmaßend finden, wenn ich mir einbilde, ich könne mich in sie hineinversetzen. Wir Blinden sind die Experten im Blindsein. Wir haben Blindsein studiert und trainiert, haben im Alltag über Jahre neue Lösungswege für allerlei Situationen und Aufgaben gelernt, und die, die wir nicht neu gelernt haben, haben wir verfeinert. Wir sind die Experten im Blindsein. Mir persönlich würde es reichen, wenn Ihr unserer Expertenmeinung glaubt und nicht so viel Zeit darin verschwendet, Euch in uns hineinversetzen zu wollen.

    Ja, ich habe Umzugskisten designt und gebaut,
    habe den Bodenbelag in unserer neuen Wohnung größtenteils allein verlegt.
    Ja, ich kann mit meiner Frau ganz allein ein Sofa die steile Treppe runtertragen, und Ihr müsst bei dem Anblick auch nicht hyperventilieren.
    Ja, mein Schwiegerpapa hat mich zum Holzhacken rausgeschickt, weil er wusste, dass ich mir weder wehtun- noch mich blamieren wollte.
    Ja, ein blinder Kumpel von mir hat sich ein passendes Ersatzteil gekauft und den Heizlüfter seines Wäschetrockners kurzerhand selbst repariert.
    Ja, mein blinder Freund Joy Bausch – Music & Accessibility hat erst kürzlich eine Musikveröffentlichung, die ich selbst produziert habe, gemastert und zur Veröffentlichung bereit gemacht.
    Und ja, wir können Computer und SmartPhones bedienen und sind sogar auf Facebook unterwegs.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein blinder Mensch regelmäßig mit Sehenden zu tun hat, ist erheblich höher als umgekehrt. Außerdem sind nicht alle Blinden gleichermaßen selbständig. Es liegt also in unserer Verantwortung, auf die Sehenden zuzugehen – und zwar wenn wir Hilfe benötigen. Wir können aber nicht voraussetzen, dass die Sehenden, mit denen wir in Kontakt kommen, sofort das richtige im richtigen Maße tun. Ebenso kann man als Sehender aber nicht darauf beharren, dass ein Blinder, der eben schon zweimal höflich die angebotene Hilfe abgelehnt hat, einem beim dritten Mal Nachhaken dann doch noch dankbarkeitstrunken um den Hals fällt.

Nur weil man sich als sehender Mensch – zu denen gehörte ich übrigens, mit Einschränkungen, die ersten zwanzig Jahre meines Lebens – nicht und niemals vorstellen kann, wie man ohne Augenlicht ein selbstbestimmtes und fröhliches Leben führen kann, spiegelt sich diese Angst eben nicht zwingend in der Lebenseinstellung blinder Menschen wieder. Viele von uns haben verdammt viel spaß am Leben!

Wenn Euch also ein blinder Mensch höflich versichert, dass er oder sie keine Hilfe benötigt, so könnt Ihr diese Experteneinschätzung mit gutem Gewissen ernst nehmen. Es funktioniert. Glaubt uns ruhig!

Dieser Beitrag ist in leicht gekürzter Form erstmals am 19. Oktober 2017 in der Facebook Gruppe Blindheit & Sehbehinderung – Infos und Austausch erschienen.

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4 thoughts on “Ich möchte nicht, dass Ihr euch in mich hineinversetzt.

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